Nachhilfe & Schule:

Schulpolitisch erscheint der Nachhilfeunterricht als unbedeutendes Thema - jedenfalls wenn man die Beachtung dieses Aspekts in der Politik berücksichtigt.

Nachhilfeunterricht & Schule - wirtschaftliche Bedeutung:

Dabei hat sich die Nachhilfe zu einem bedeutenden Sozial - und Wirtschaftsfaktor entwickelt:

Ich verweise hierzu auf eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von Annemarie und Dr. Klaus Klemm ("Ausgaben für Nachhilfe - teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung"): Da auch die Verfasser dieser Studie wegen der dünnen Tatsachenlage bei genauen Zahlen sehr zurückhaltend sind und die differierenden Inhalte in Studien nicht in ein paar Sätzen wiederzugeben sind, möchte ich nur auf 2 Aspekte verweisen:

  • Die Studie geht davon aus, daß vermutlich etwa 1,1 Millionen Schüler kommerzielle Nachhilfe in Anspruch nehmen.
  • Die diesbezüglichen Kosten werden auf etwa 942 Millionen - 1.468 Millionen Euro geschätzt.

Man kann bei solchen Zahlen natürlich immer inhaltliche Einwände erheben, ich meine allerdings, daß die Zahlen selbst als Korridor durchaus beeindruckend sind.

Daß sich allein aus diesen Zahlen durchaus schulpolitische Brisanz ergibt, sei anhand nachfolgender Beispiele verdeutlicht:

Nachhilfe und Lernen in der Schule:

Wenn tatsächlich 1,1 Millionen Schüler kommerzielle Nachhilfe in Anspruch nehmen und zusätzlich eine unbekannte (aber vermutlich ebenfalls beachtliche) Größe weiterer Schüler im privaten Sektor (Eltern, Geschwister, Verwandte, Bekannte...) unentgeltlich gefördert werden, dann wird eine Größenordnung erreicht, die eigentlich berechtigte Fragen hinsichtlich der Funktionsfähigkeit des Schulsystems betreffend, aufwerfen sollte. Denn eigentlich sind die schulrechtlichen Normen darauf angelegt, daß Wissen in der Schule und nicht extern vermittelt wird.

Bei einer solchen Größenordnung dürfte auch die Gefahr der Entwicklung von weiteren Automatismen nicht von der Hand zu weisen sein: Denn wenn ein Teil der Klasse kommerzielle oder private Nachhilfe in Anspruch nimmt, dann entwickeln diese Schüler ggf. ein völlig anderes Lernverhalten, da ja nachgearbeitet wird.

Und irgendwann wird aus diesem Nacharbeiten dann ggf. ein "Vorarbeiten", indem die Schüler ein ganz anderes Lerntempo entwickeln oder Lehrkräfte nicht nur die Wiederholung außerschulisch billigen, sondern die Verlockung entsteht, auch "Vorarbeiten" ggf. zum Gegenstand von Hausaufgaben zu machen. Dies würde zu einer Benachteiligung solcher Schüler führen, die keine Nachhilfe erhalten und sich dann Wissen quasi autodidakt beibringen müßten. Zumindest im Grundschulbereich habe ich solche Sachverhalte über meine Beratungstätigkeit bereits zugetragen bekommen.

Man sollte insofern zumindest den privaten Anteil der Nachhilfe nicht überbewerten, da es ja durchaus Gegenstand der elterlichen Sorge (und auch lobenswert) ist, die Kinder in der Schule zu unterstützen. Nur wenn bereits die kommerzielle Nachhilfe einen sehr hohen Prozentanteil von Fremdunterstützung bewirkt, dann kann dies im Zusammenwirken mit privater Nachhilfe durchaus zu schleichenden Systemänderungen führen, an denen sich dann notgedrungen immer mehr Personen beteiligen, um nicht selbst Nachteile zu erleiden.

Auch von einer solch schleppenden Eigendynamik an der man sich notgedrungen selbst widerwillig beteiligt, habe ich im Rahmen meiner Beratungstätigkeit durchaus schon berichtet bekommen.

Nachhilfe und soziale Auswirkungen:

Viel stärker im schulpolitischen Vordergrund sind die sozialen Auswirkungen der Nachhilfe:

Im Fokus ist dabei überwiegend die kommerzielle Nachhilfe, da diese eben Geld kostet und damit nicht von jeder Familie in Anspruch genommen werden kann, was dann mutmaßlich zu einer Besserstellung finanziell besser ausgestatteter Schichten führt.

Daneben ist ganz sicher aber auch ein Problem, daß die vorstehend dargestellte Tendenz zu verstärkter Nachhilfe durch Familien usw. auch zu einer schleichenden Differenzierung führt: Derjenigen zwischen bildungsnahen und bildungsfernen Haushalten, die ihre Kinder nur sehr unterschiedlich unterstützen können, was durchaus zum Problem werden kann, wenn die Schüler tatsächlich auf externe Unterstützung angewiesen sind.

Durch "Bildungsgutscheine" soll dies nunmehr aufgebrochen werden.

Ausblick zur kommerzieller und privater Nachhilfe:

Vorstehende Ausführungen sollen nicht dem Nutzen kommerzieller Nachhilfe in Fragen stellen und erst recht nicht die Bemühungen privater Haushalte für ihre Kinder.

Ich will damit nur auf die schulpolitische Zwickmühle aufmerksam machen, daß hieraus Automatismen entstehen könnten, wodurch Wissensvermittlung aus dem schulischen Bereich ausgelagert wird. Und von solchen Automatismen bekomme ich im Rahmen meiner Beratungstätigkeit ja durchaus berichtet, wenngleich dies natürlich keine empirische Auswertung darstellt.

Dies sollte demnach künftig eine verstärkte schulpolitische Diskussion wert sein.