Ganztagsschule:

Die Ganztagsschule hat sich in jüngerer Vergangenheit von einem potentiell "ausgekauten" Nischenthema zu erheblicher schulpolitischer/bildungspolitischer Brisanz entwickelt:

Ganztagsschule und ursprünglicher schulpolitischer Hintergrund:

Der ursprüngliche bildungspolitische Hintergrund des Themas Ganztagsschule liegt in der Entlastung für berufstätige Haushalte.

Insofern muß man natürlich konstatieren, daß der Bedarf nach Ganztagsbetreuung unter diesem Aspekt eigentlich bei jüngeren Kindern weitaus höher als bei älteren Kindern sein sollte. Insofern war es schwer nachzuvollziehen, daß vor allem weiterführende Schulen als Ganztagsschulen eingerichtet wurden, während Grundschulen nur selten als Ganztagsschulen fungierten.

Ganztagsschule und die normative Kraft des Faktischen:

Ein anderer Aspekt für die vermehrte Einrichtung von Ganztagsschulen im weiterführenden Schulbereich lag darin begründet, daß damit in Zeiten eines starken Leistungsdrucks auf Schüler, nur den Realitäten entsprochen wurde. Dies gilt vor allem für G8-Gymnasien, wo der Lernstoff teils nicht mehr anders vermittelbar erscheint.

Insofern ist es teilweise schon zu Protesten gegen die Einrichtung von G8-Gymnasien gekommen, weil Eltern befürchteten, daß auf diese Weise die Kinder kaum noch einen freien Nachmittag haben. Dabei wurden wenige dafür aber lange Nachmittage gegenüber vielen und dafür kurzen Nachmittagen bevorzugt.

Ein Fall, bei dem sich die Eltern gegen die Einrichtung einer Ganztagsschule mit Erfolg wehrten und der auch in den Medien ein gewisses Echo erreichte, fand vor kurzem in Achern, Baden-Württemberg, statt. Näheres hierzu erfahren Sie unter vorstehendem Link.

Ganztagsschule und der soziale Aspekt:

In der neueren politischen Entwicklung ist zu beobachten, daß das Thema Ganztagsschule neuerdings unter dem Aspekt diskutiert wird, daß man auf diese Weise Kinder aus "bildungsfernen" Familien gleiche Chancen einräumen möchte.

Dies wird vor allem unter dem Aspekt diskutiert, daß Kinder aus "Bildungshaushalten" von den Eltern Unterstützung erhielten, während Kinder aus "bildungsfernen Schichten" sich dies alles selbst erarbeiten müßten. Durch die Einrichtung von Ganztagsschulen (und neuerdings auch der gleichzeitig geforderten Abschaffung von Hausaufgaben) würden alle dieselben Voraussetzungen haben.

Hieran wird vor allem kritisiert, daß ein erheblicher Einschnitt in die Freiheitsrechte erfolge, wenn alle Kinder ganztags die Schulen besuchen müßten. Die Schaffung eines entsprechenden Angebots für Kinder aus bildungsfernen Schichten müsse ja nicht zwangsläufig einhergehen, daß Ganztagsschulen für alle Kinder zur Regel werden.

Darüber hinaus ist der politische Vorschlag insofern anfällig, als es in Deutschland ja einen nennenswerten Markt für Nachhilfeunterricht gibt, gerade weit Schulen nicht mehr alles vermitteln. Vor einer flächendeckenden Einrichtung von Ganztagsschulen müßte man natürlich auch dafür Sorge tragen, daß der Unterricht qualitativ alles abdecken kann. Denn andernfalls bliebe ja erst recht keine Zeit mehr, schulische Defizite zu beheben...

Ganztagsschule und Ausblick:

Wenn man - teils allerdings sehr pauschal formulierten - Umfragen glauben mag, so gibt es von Elternseite ein starkes Bedürfnis nach mehr Ganztagsschulen.

Insofern wird es schulpolitisch ein Thema bleiben, vermehrt Ganztagsschulen einzurichten.

Daß diese als Allheilmittel dafür dienen, Kindern Schulabschlüsse zu garantieren, darf indes bezweifelt werden. Gerade die massive Inanspruchnahme von Nachhilfeunterricht (für sozial schwache Schichten gleichsam über Bildungsgutscheine ermöglicht) zeigt, daß es in der Schule Mängel gibt, für die außerschulische Institutionen in Anspruch genommen werden. Insofern würde Ganztagsunterricht im Zweifel sogar nachteilig sein, weil man dann auf Gedeih und Verderb auf die Qualität des konkreten Lehrers angewiesen ist.

Und ob dieses Bedürfnis nach Ganztagsschulen auch den Wünschen der meisten Kinder entspricht, quasi schon in der Schule 40-Stunden-Wochen zuzubringen, darf bezweifelt werden...

Kurzum: Neben der Einführung weiterer Ganztagsschulen, um dem Bedürfnis berufstätiger Eltern nach einer wohnortnahen Ganztagsschule zu entsprechen, wird das Thema flächendeckende Einführung von Ganztagsschulen aus sozialen Gründen sicher weiter politische Brisanz enthalten