Wahl der weiterführenden Schule und Orientierungsstufe:

Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit - Begriff und Inhalt:

Unter den im schulischen Bereich verwendeten Begriffen der Grundschulempfehlung (BW), Schulformempfehlung (NRW), Bildungsempfehlung (Sachsen), Schullaufbahnempfehlung (Niedersachsen), Übertrittszeugnis (Bayern) usw. versteht man die seitens der Schule am Ende der Grundschulzeit getroffenen Entscheidungen, welche Schulart der Schüler künftig besuchen soll:

  • In den meisten Bundesländern also: Gymnasium, Realschule oder Hauptschule (bspw. Baden-Württemberg, Bayern) - bzw. neuerdings auch Gemeinschaftsschule in Baden-Württemberg.
  • In manchen Bundesländern auch: Gymnasium oder eine gemeinsame Schulform der Realschule und Hauptschule (Mittelschule Sachsen, Realschule Plus Rheinland-Pfalz usw.)
  • In manchen Bundesländern auch: Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Gesamtschule (bspw. NRW).
  • usw...

Die inhaltliche Relevanz der "Empfehlung" der Grundschule tritt immer dann auf, wenn es sich in Wahrheit um gar keine Empfehlung, sondern eine verbindliche Vorgabe für den Schüler handelt, d.h. der Schüler die Schulart künftig besuchen muß, die ihm "empfohlen" wurde.

Die inhaltliche Relevanz wird dann noch größer, wenn es in dem betreffenden Bundesland nicht nur eine verbindliche "Empfehlung" der Schule gibt, sondern dieses Land auch keine Gesamtschulen führt. In Bundesländern mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit, aber bestehendem  Gesamtschulsystem (bspw. vormalige Rechtslage in  NRW bis 2011) ist die Relevanz demnach nicht so groß, weil die Kinder immer auch eine Empfehlung für den Besuch einer Gesamtschule erhalten und sich dann quasi weiterhin für eine anderen Schulabschluß empfehlen können.

Es erstaunt demnach wenig, wenn die Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit insbesondere in Baden-Württemberg diskutiert wurde bzw. Bayern diskutiert wird, weil es dort ein dreigliedriges Schulsystem (Gymnasium, Realschule, Hauptschule) ohne Gesamtschulen gibt. Für die Kinder dort ist die Empfehlung nach Klassenstufe 4 dann natürlich ein herber Einschnitt, wenn die gewünschte Empfehlung nicht erteilt wird.

Einen Überblick über die Rechtslage bei Schulformempfehlungen am Ende der Grundschulzeit können Sie über meine Servicebereiche Schulrecht abrufen.

Feststeht: Die Verbindlichkeit der Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit gehört zu den am heftigsten diskutierten schulpolitischen Themen. Das war immer so und wird immer so sein.

Politisch schien die verbindliche Grundschulempfehlung trotz alledem unangreifbar: Solange gerade Bundesländer wie Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen und Thüringen (also Bundesländer mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit) in den "Bildungsranglisten" stets die ersten Plätze belegen, war dies ein nachhaltiges Argument, alls beim Alten zu belassen.

Ob sich hieran im Zuge der überraschenden Regierungswechsels in Baden-Württemberg und der damit verbundenen Abschaffung der Grundschulempfehlung in Baden-Württemberg  auch in anderen Bundesländern etwas ändern wird, bleibt abzuwarten.

Zwischenbemerkung - Grundschulempfehlung und Wahl der weiterführenden Schule bei Kapazitätsengpässen:

Abschließend sei noch auf einen häufig übersehenen Aspekt bei der Grundschulempfehlung hingewiesen:

Die fehlende Verbindlichkeit der Schulformempfehlung ist leider keinerlei Gewähr dafür, daß man tatsächlich die Schule seiner Wahl besuchen kann. Gerade in Bundesländern ohne verbindliche Schulformempfehlung drängen nämlich erfahrungsgemäß viele Schüler auf dieselbe Schulform/ Schule, so daß es in der Praxis häufig zu regelrechten "Verteilungskämpfen" um die wenigen Plätze kommt.

Wenn die Leistungen der Schüler mangels verbindlicher Grundschulempfehlung dann kein taugliches Unterscheidungskriterium mehr sind und über die Schülerzuweisung mitunter das Los entscheidet, dann kann es im Extremfall dazu kommen, daß jemand Klassenbester der Grundschule ist und nicht ins das Gymnasium um die Ecke gehen darf, sondern einen Schulweg von einer Stunde - bis zum Ende seiner Schulzeit - in Kauf nehmen muß.

Die Schülerlenkung wird mit der Abschaffung der verbindlichen Grundschulempfehlung demnach - als negativer Nebeneffekt - erschwert.

Die "nachgelagerte Schulformempfehlung" in der Orientierungsstufe:

Quasi als Regulativ für die Schulformempfehlungen am Ende der Grundschulzeit gibt es die ersten beiden Jahre der weiterführenden Schulen die sogenannte Orientierungsstufe: In dieser sollen die einzelnen Schularten möglichst durchlässig sein und Schulformwechsel unter erleichterten Umständen möglich sein.

Dies gilt zunächst für vermeintlich leistungsstärkere Schüler, denen nicht die Chance verbaut werden soll, auf eine leistungsstärkere Schulform zu wechseln.

  • Relevant ist dies natürlich vor allem für Bundesländer mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschule, denn die Schüler in anderen Bundesländern konnte sich am Ende der Grundschulzeit die Schulart ohnehin aussuchen, so daß ein Wechsel in der Orientierungsstufe eher selten vorkommt.
  • Aber auch in Bundesländern mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit ist es sehr selten, daß sich ein Schüler für einen Schulwechsel "qualifiziert" oder überhaupt noch wechseln möchte. Im Gegensatz zur letzten Klassenstufe im Grundschulbereich, wo es erfahrungsgemäß hoch hergeht, ist das Thema ab der Klassenstufe 5 - faktisch - meist abgeschlossen.

Dies gilt aber auch für vermeintlich leistungsschwächere Schüler, die umgekehrt in eine leistungsschwächere Schulform wechseln sollen:

  • Für Bundesländer mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit ist dies im Regelfall nur über Versetzungsentscheidungen möglich: Wer zweimal im selben Jahrgang oder hintereinander nicht versetzt wurde, muß regelmäßig die Schulform verlassen.
  • Für Bundesländer mit unverbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit ist dies indes im Regelfall wesentlich relevanter, da diese Schüler (regelmäßig bei Nichtversetzung in Klassenstufe 6 und dem Ausspruch eine leistungsschwächere Schule zu besuchen) tatsächlich in eine leistungsschwächere Schule wechseln müssen.

Insofern gibt es auch in Bundesländern mit unverbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit oftmals doch noch eine verbindliche Schulformempfehlung am Ende von Klassenstufe 6. Daß dies in der poliutischen Diskussion völlig untergeht, ist mir persönlich schleierhaft, denn mit rechtlichen Auseinandersetzungen am Ende der Klassenstufe 6 habe ich ebenso zu tun, wie am Ende der Klassenstufe 4.

Bitte informieren Sie sich näher über meine Schulrechtportale:

Schulpolitischer Ausblick auf die Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit und Orientierungsstufe:

Vorstehende Ausführungen zeigen, daß die bildungspolitischen Auseinandersetzungen meistens nicht differiert genug geführt werden, da meist übersehen wird, daß überall Tücken lauern:

  • In Ländern mit verbindlicher Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit (bspw. Baden-Württemberg, Bayern, Sachsen, Thüringen) ist man am Ende der Grundschulzeit ziemlich sicher auf einer bestimmten weiterführenden Schulform angelangt: Die Orientierungsstufe gibt Optionen für leistungsstärkere Schulen (wenn auch sehr schwierig), umgekehrt gibt es im Regelfall aber nur über Versetzungsregelungen eine Gefahr, auf eine leistungsschwächere Schule zu gelangen.
  • In Ländern ohne verbindliche Schulformempfehlung am Ende der Grundschulzeit (bspw. Hessen, Rheinland-Pfalz und neuerdings auch NRW), besteht die Gefahr, daß man in der Orientierungsstufe gegen seinen Willen in eine leistungsschwächere Schulform wechseln muß. Insofern ist dieses System sogar vergleichbar mit der 6-jährigen Grundschule, da die Schüler nach Klassenstufe 4 zwar die Schulform wechseln, eine endgültige Bestimmung aber erst nach Klassenstufe 6 erfolgt.

Wie kurios das Ganze bildungspolitisch diskutiert werden kann, wird daran deutlich, daß beispielsweise in NRW im Nachgang zu den Landtagswahlen 2010 zwar die Grundschulempfehlung abgeschafft wurde, die Erprobungsstufe aber aufrecht erhalten blieb:

  • Dies ist deshalb so kurios, da in NRW die Schulformempfehlung am Ende der Klassenstufe 4 gar nicht die Brisanz hatte, da ja immer noch die Gesamtschule als Ausweichmöglichkeit blieb.
  • Die zwangsweise Überweisung in eine andere Schulform am Ende der Erprobungsstufe (Klasse 6) stellt demgegenüber einen durchaus harten Einschnitt dar, ist oftmals Gegenstand rechtlicher Auseinandersetzungen, blieb aber unangetastet.

Insofern ist zu beobachten, daß in allen Bundesländern kontrovers diskutiert wird.